Wahrnehmung als Dreh- und Angelpunkt

14.03.2015 (Kommentare: 2)

Einfach mal ruhig sein!

Lieber AfG-Freund!

 

Samstag Morgen, Frühstückszeit. Gerhard und ich ziehen gleich los, Kacheln für die Neue Akademie bestellen. Leider, leider haben wir uns aber gerade über die philosophischen Hintergründe unserer Trainerausbildung unterhalten. Das Gesprochene muß jetzt zuerst "aufs Papier", die Abfahrt verschiebt sich.

 

Ja, was war denn nun das Spannende? Nichts Neues, aber doch noch einmal frisch auf den Punkt gebracht.

 

Die meisten Trainer-Ausbildungen vermitteln in der Hauptsache Methoden. Nun, Methoden sind natürlich wichtig. Ohne sie stünde ich mit leeren Händen vor der Gruppe. Was aber für uns der Dreh- und Angelpunkt der Ausbildung ist, ist Wahrnehmung. Und zwar die Wahrnehmung meiner selbst, die des anderen, die Wahrnehmung der Interaktion zwischen mir und meinen Gegenübern und die Wahrnehmung der Interaktion innerhalb der Gruppe. Ganz schön viel Wahrnehmung!

 

Um Wahrzunehmen muß ich ruhig sein. Ruhig auf mehreren Ebenen: Ich muß Gelassenheit spüren, aber auch mein ständiges Sendungsbewußtsein ruhen lassen. Genau hier liegt der Knackpunkt. Wenn man Trainer beobachtet, sind die meisten ständig in Aktion. Sie sprudeln, vermitteln Wissen, folgen ihrem Konzept. Ob die Aktion überhaupt noch zum Bedürfnis der Gruppe paßt, kann so nicht hinterfragt werden.

 

Idealerweise hat der Trainer eine hohe Methodenkompetenz. Zwischen den einzelnen Schritten des Methodeneinsatzes steht beim Ausnahme-Trainer aber immer wieder die Wahrnehmung. Wie war das? Ich mehme mich wahr, die anderen, unsere Interaktion, deren Interaktion. Ständig!

 

Daher unterrichten wir neben den Methoden in der Hauptsache Wahrnehmung. Und das ist für Menschen, die ja alle schon sehr weit im Leben gekommen sind, oft eine Riesenherausforderung. Warum? Weil dafür eben nicht erforderlich ist, zu zeigen, was man kann. Sondern ruhig zu werden, zu schweigen. Einfach mal still zu sein und aufzunehmen, anstatt zu senden.

 

Später, wenn die Wahrnehmung fest im eigenen System verankert ist, dann wird alles miteinander verbunden. Wissen, Sprudeln, Lehren, Informieren, Wahrnehmen, Reagieren.

 

Zusammenfassend könnte man also sagen: Die herkömmliche Art des Trainierens ist die Aktion. Die oft vernachlässigte Fähigkeit des Trainers ist die angemessene Reaktion. Die hohe Kunst des Trainierens ist die Verbindung von Beiden. Und das ist es was wir uns bei der Akademie für unsere Trainer zum Ziel setzen.

 

So, nun ist es niedergeschrieben. Es ist Samstag, wir ziehen los, Kacheln bestellen.

 

Herzlich,

 

Martina Caspary

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Angela Hoffmann | 08.04.2015

Genau das Vermitteln von vor allem Wahrnehmung kann ich aus eigenem Erleben bestätigen. Die Trainerausbildung war für mich eine entscheidende "Perle auf meiner Kette" zum zentralen Thema, mich selbst als Trainerin und Coach wahrnehmen zu lernen und zwar ohne Wertungen von gut und schlecht. Genau in dem Moment, wenn ich die Wertungen weglasse, bin ich tatsächlich ruhig und auch gelassen. Wie ich das schaffe? Auch das zu erlernen ist ein Bestandteil der Trainerausbildung.
Erst von diesem Standpunkt der entspannten Selbst- Wahrnehmung kann ich als Trainerin und Coach die anderen wahrnehmen und schauen, was sie genau brauchen. Wie immer fängt alles zuerst bei mir selbst an.
Ich kann die Trainerausbildung allen Trainern und denen, die diesen Wunsch in sich spüren, als große Möglichkeit der Entfaltung der eigenen Fähigkeiten sehr ans Herz legen.

Kommentar von Heike Frank-Ostarhild | 22.05.2015

Auch ich habe bereits vor vier Jahren als eine meiner Ausbildungen den "Meister-Trainer" an der AfG absolviert. Die dort gelernte Kunst der Wahrnehmung aus der Ruhe heraus zu schulen, steht für meine heutige Tätigkeit als Trainer, Coach und Reitlehrerin immer wieder im Vordergrund. So muss ich im Reitunterricht gleichzeitig das Pferd-Reiter-Paar wahrnehmen, jederzeit auf die immer neue Situation reagieren und auch die Wahrnehmung des Schülers hinsichtlich des eigenen Körpergefühls, der eigenen mentalen Ausrichtung und natürlich des Pferdes unter sich sensibilisieren. Dies funktioniert NUR aus der Ruhe heraus. Unter Stress ist Lernen unmöglich. Eine täglich neue Herausforderung im Umgang mit Mensch und Tier. Da Pferde die Meister der Wahrnehmung sind, können wir Menschen unglaublich viel über Wahrnehmung und Ruhe von ihnen lernen. Insofern bin ich ständig umgeben von verschiedenen "Wahrnehmungs-Übungen" und entsprechenden Handlungen und Entscheidungen etc. Natürlich müssen die Reitstunden methodisch und sinnvoll aufgebaut sein und auch das Reiten lernen folgt meist einer bestimmten Methode. Allerdings ist diese nicht immer zwingend nötig, geht es doch (hoffentlich!) um eine harmonische Verbindung zwischen Tier und Mensch. Erst wenn ein ZIEL hinzukommt, werden Methoden nötig. So muss ich entscheiden, ob ich bei Dressur-Turnieren, Vielseitigkeitsprüfungen oder Western-Disziplinen starten will und entsprechend die Ausbildung danach Schritt für Schritt ausrichten.
Begleitend bleibt dabei aber immer die feine Wahrnehmung, das "Gefühl" des Reiters für das Pferd und den eigenen Körper / Geist und – in meinem Fall – als Trainer, was genau in jedem Moment sinnvoll für ein Weiterkommen des Paares ist.
Insofern kann ich Martina Casparys obigen Artikel nur unterschreiben. Zuhören, Hinschauen, Wahrnehmen – und erst dann aus der Ruhe heraus entscheiden, was zu tun ist. DAS sind wahre Trainerqualitäten, die ständig weiter ausgebaut, geübt und bei sich selbst beobachtet sein sollten. Das Gute daran: Zugleich gewinnt man Zufriedenheit, Gelassenheit und ein gewisses Maß an Großzügigkeit. Probiert's aus! Am besten auch mal mit einem Pferd! ;-)